Weniger als drei Jahre nach Start der auf der atalanda-Infrastruktur aufsetzenden lokalen Online-Marktplätze in Zürich und Bern soll nun Schluss sein. Damit wirft wieder einmal ein Logistikdienstleister das Handtuch bei seinen Bemühungen, neue Geschäftsmodelle im Online-Handel bzw. im Rahmen von Online-Sichtbarkeitsmodellen für stationäre Geschäfte zu suchen.

In Deutschland hat unlängst ja auch die DHL Paket GmbH den Rückzug angetreten und wird Ende 2018 mit ihrem Online-Marktplatz Allyouneed auch gleich die Local-Commerce-Auskopplung AllyouneedCity in Bonn auf den Friedhof der Handelsgeschichte verfrachten. Dort war man sogar erst im November 2017 gestartet. Für viele teilnehmende Händler bedeutet der kurze Atem des Betreibers: Pustekuchen. Denn mitunter wurde viel Energie in die Anbindung der Warenwirtschaft samt Produktlistung und Produktdatenerstellung gesteckt. Eine nachfolgende risikobereite Betreibergesellschaft jedenfalls wurde in Bonn noch nicht gefunden.

Auch in der Schweiz scheint der immerhin bald dreijährige Ausflug in die Digitalisierungsbemühungen von Städten und deren Händlerschaft ein jähes Ende ohne Option auf Verlängerung zu finden. Tote Pferde reiten will die Schweizerische Post jedenfalls nicht mehr. Obgleich ein „totes Pferd“ wohl darüber zu definieren sein wird, welche Erfahrungen die einzelnen Teilnehmer gemacht haben. Denn diese kamen bislang noch nicht zu Wort. In der Pressemitteilung des Logistikunternehmens vom 7. November 2018 heißt es lediglich:

„Die Post beabsichtigte, das Innovationsprojekt Kaloka zu einem nachhaltigen Geschäftsmodell zu entwickeln, welches sich auf weitere Städte ausweiten lässt. Diese Erwartung punkto Skalierbarkeit hat Kaloka nicht erfüllt. Deshalb stellt die Post das Innovationsprojekt ein. Die betroffenen Händler in Bern und in Zürich sind informiert.“

Kurz: Das schnelle Geld lässt sich mit lokalen Online-Marktplätzen nicht verdienen und Städte sollten zwar dankbar sein, wenn sich potente Betreiber finden, sich dann aber auch nicht wundern, wenn ein Pilotprojekt eingestellt wird. Die Hoheit über eine Local-Commerce-Infrastruktur ist ein hohes Gut.

Dass mit der Einstellung des Marktplatzbetriebes in Bern und Zürich zugleich auch die Dienstleistung der taggleichen Lieferung wegfällt, dürfte der einzelne Händler noch verkraften. Und sollte hier ein totes Pferd geritten worden sein, dann wird sicher auch der einzelne Teilnehmer dem Marktplatz keine Träne hinterherweinen. In Bern waren zuletzt 56 Händler an den Marktplatz angebunden. Im Vergleich zu anderen Marktplatz-Lösungen auf Basis eines Multi-Vendor Online-Shops eine durchaus respektable Anzahl. In Zürich, wo der Online-Marktplatz Anfang 2017, also etwa ein Vierteljahr später als in Bern live geschaltet wurde, kommt man auch gegenwärtig noch nicht einmal auf 30 teilnehmende Geschäfte.

Zugleich ist der Sortimentsmix in der Hauptstadt der Alpenrepublik ganz ansehnlich. In Zürich konnte man weitestgehend nur Lebensmittelhändler und Feinkostläden gewinnen – freilich mit unterschiedlich großem Engagement, was die Produktlistung und damit die Attraktivität für potentielle Kunden anbelangt. Mit rund 32.000 verfügbaren Produkten in Bern und 19.000 in Zürich hat sich seit der Anfangsphase aber auch nicht viel am Online-Angebot geändert. Das organisches Wachstum des Marktplatzes blieb also weitestgehend aus, ebenso wie die Integration von Dienstleistern oder Gastronomen. Ein Indiz dafür, dass die Vertriebsaktivität vernachlässigt worden sein und man technisch-konzeptionell allzu versteift auf digital aufgerüstete inhabergeführte Geschäfte mit leicht anbindbaren elektronischen Warenwirtschaftssystemen gehofft haben könnte. Jeder Projektmanager im Umfeld von digitalen City-Initiativen weiß, dass insbesondere das Thema Warenwirtschaft und Produktdatenstämme ein Schlüsselproblem darstellt.

Fazit: Österreich hält die Stellung in Sachen Local Commerce

Man wird das Gefühl nicht los, dass die Post- und Logistikunternehmen auf dem Rücken der inhabergeführten Geschäfte ihre strategische Marschroute in Sachen Digitalisierung ausloten. Die Schweizerische Post lässt in ihrer Pressemitteilung verlauten: „Die gesammelten Erfahrungen in der Logistik und im E-Commerce werden in die Weiterentwicklung der Post-Dienstleistungen für den digitalen Handel einfliessen.“ In der Presse wird dieser Rückzug einmal mehr als Indiz dafür bewertet werden, dass in der Schweiz neben Digitec und Amazon kein Platz für Marktplatzexperimente ist. Wir erinnern uns: Im Mai 2018 zog auch Coop den Stecker bei Siroop.com, dem Schweizer Online-Markt, der in Kooperation mit der Swisscom mehrere Sortimentsbereiche abdecken sollte.

Nunmehr ist im D-A-CH-Raum unter den Post- und Logistikdienstleistern nur noch die Österreichische Post AG mit einem Online-Marktplatz am Markt. Ob shöpping.at einen längeren Atem hat, werden sicherlich die nächsten 12 Monate zeigen. Immerhin hat man sich in Österreich mittlerweile auch auf eine stadtbezogene Subseite eingelassen. Für Wien werden Anfang November rund 78 Händler gelistet.

Das Unternehmen atalanda, IT-Dienstleister im Hintergrund der Kaloka-Marktplätze, hat sich zum Aus in der Schweiz noch nicht geäußert. Das Local-Commerce-Unternehmen aus Bayern beweist derzeit aber mit dem regionalen Online-Marktplatz Letzshop in Luxemburg, dass man mit der notwendigen politischen Unterstützung im Rücken sehr wohl das große Ganze – regionale Wertschöpfung auf digitalem Fundament – in den Blick zu nehmen imstande ist.

Einmal mehr also sollten Wirtschaftsförderungen, Stadtmarketing- und Citymanagementorganisationen gründlich darüber nachdenken, welche Infrastrukturgeber und Stakeholder, Betreiberfirmen und IT-Lösungsanbieter die richtigen für eine lokale/regionale vertriebsorientierte Digitalinitiative sind. Ansonsten kommt das Ende manchmal schneller als gedacht. Antworten auf sechs entscheidende Fragen zu finden und die Lektüre eines Buches sind ein guter Anfang, bereits begangene Fehler nicht zu wiederholen.