Die Ausschreibung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) zur Einrichtung des „Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Einzelhandel“ (siehe amtliche Bekanntmachung als PDF) darf als konkretes Ergebnis der „Dialogplattform Einzelhandel“ betrachtet werden, die vor mehr als einem Jahr in Berlin ihr feierliches Ende fand.

Am 28. September des laufenden Jahres nun war der Stichtag zur Abgabe der Konzeptpapiere für die geplante Einrichtung, die im Rahmen des Förderschwerpunkts „Mittelstand Digital“ entstehen soll. Der Handelsverband Deutschland (HDE) bewirbt sich mit einer Reihe von bekannten Forschungsinstituten und Unternehmen um die Konzeptionierung des Kompetenzzentrums. So viel ist klar: Die Fördergelder werden sprudeln.

Mit von der Partie sind die IFH Köln GmbH, GS1 Germany GmbH, ibi research an der Universität Regensburg GmbH, BBE-Handelsberatung GmbH sowie die Elaboratum GmbH. Die Beteiligten können mal mehr, mal weniger konkrete praktische Erfahrung im Umgang mit Digitalisierungsprozessen im Innenstadthandel vorweisen. Klar aber ist, es handelt sich hier um die Alphatiere der handelsbezogenen Marktforschung und Beratung im deutschsprachigen Raum. Es käme einem Paukenschlag gleich, würde sich das Wirtschaftsministerum nicht für das um den HDE herum geschmiedete Konsortium entscheiden.

Wer sich allerdings intensiv mit den Problemen und Nöten des inhabergeführten Innenstadthandels auseinandersetzt, der vermisst den einen oder anderen Akteur aus dem Umfeld von Stadtmarketing- und Citymanagementorganisationen. Die Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland (bcsd e.V.), die unlängst ein Positionspapier zur Digitalisierung vorgelegt hat, fehlt genauso so in diesem illustren Reigen wie etwa die Kommunalberater der CIMA, die sich nicht zuletzt mit gemeinsam.online um Standing im Beratermarkt für Digitales, Stadt und Handel bemühen. Gerade die zuletzt Genannten wissen um die moderativen Stellschrauben und konzeptionellen Fallstricke in der Umsetzung von Digitalisierungsmaßnahmen für den lokalen Einzelhandel.

Oder geht es den Fördergeldbewilligern für das „Kompetenzzentrum Einzelhandel“ wirklich nur um betriebsindividuelle Schulungs- und Unterstützungsleistungen für digital unterentwickelte Betriebe? Kein einziges Mal nämlich fällt in der BMWi-Ausschreibung der Begriff Innenstadt, Plattform, digitaler Kümmerer oder digitale City-Initiative (übrigens in den maßgeblichen Schlusspapieren der „Dialoglattform Einzelhandel“ Schlüsselwörter).

Ohne das Vorhaben vorverurteilen zu wollen, muss die Frage gestellt werden, was denn dann in den letzten Jahren die Aufgabe von Handelskammern und regionalen Handelsverbänden war, wenn nicht die betriebsindividuelle Förderung angesichts der Herausforderungen der Digitalisierung.

Die Ziele des „Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Einzelhandel“ sind lt. Ausschreibung folgende:

  • „Sensibilisierung und Unterstützung bei der Erschließung der technologischen und wirtschaftlichen Potenziale der Digitalisierung (sowohl nach innen hinsichtlich interner Geschäftsprozesse wie auch nach außen zum Kunden oder Lieferanten),
  • Stärkung von Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit des Handels,
  • Eröffnung neuer (digitaler) Geschäftsmodelle für stationäre Händler,
  • Förderung technologischer, organisatorischer und arbeitsgestaltender Kompetenzen sowie Stärkung von Sicherheit und Vertrauen (Anbieter/Anwender) in digitale Prozesse auch mit Blick auf Nachhaltigkeit.“

Und weiter heißt es: „Aufgabe des Kompetenzzentrums ist der Technologie- und Wissenstransfer in den mittelständischen Handel hinein mit dem Ziel, Potenziale der Digitalisierung und ihrer Umsetzung anhand konkreter, praxisnaher Beispiele aufzuzeigen. Das Zentrum soll dabei aktiv auf die Zielgruppe zugehen und sie für das Thema sensibilisieren und mit Informationen ausstatten. Das Kompetenzzentrum muss deshalb möglichst nah an der Zielgruppe sein und sollte umfangreiche Best-Practice-Beispiele erarbeiten, die der Zielgruppe anschaulich vermittelt werden können. Dabei ist sicherzustellen, dass die Ansprache deutschlandweit auch auf regionaler und lokaler Ebene erfolgt.“

Gab es da nicht einmal ein Pilotprojekt namens „Online City Wuppertal“, dass sich technisch-konzeptionell, als „Learning by Doing“ und mit hoher überregionaler Strahlkraft dem Thema gewidmet hat?! Dessen wichtigste Erkenntnis lautete übrigens: Wir brauchen nicht mehr Technologie und mehr Broschüren, sondern mehr Veränderungsmanager*innen im Citymanagement und in den Gewerbevereinen? Nachzulesen in einem 300 Seiten starken Ratgeber.