kiezkaufhaus_logo_640x96Wie das Kiezkaufhaus in einer Pressemitteilung informiert, „pausiert“ der lokale Online-Marktplatz in der hessischen Landeshauptstadt seine Aktivitäten. Ab Februar 2020 wird es vorerst keine Bestellungen mehr über den Pionier unter den Local-Commerce-Infrastrukturgebern geben.

Ob dies ein kategorischer Schlussstrich unter das Kapitel regionale Versorgungsinfrastruktur sein wird, geht aus der Pressemitteilung nicht hervor – lediglich, dass sich die Agentur Scholz & Volkmer, die das Kiezkaufhaus 2015 online gebracht hatte und dafür mehrere Auszeichnungen einheimste, mehr Unterstützung durch die Stadt gewünscht hätte. Karina Bareis, aktuelle Projektleiterin beim Kiezkaufhaus Wiesbaden, sagt:

„Wir wurden fälschlicherweise als weiterer Marktplayer wahrgenommen und nicht als Förderer eines alternativen urbanen Lebens in Wiesbaden. Hier hätten wir uns zum Beispiel auch von Seiten der Stadt mehr Unterstützung gewünscht.“

Auch der Kiezkaufhaus-Gründer Michael Volkmer schlägt in die gleiche Kerbe, wenn er sagt:

„Meine Überzeugung ist es, dass eine Stadt bzw. ein Land die digitale Infrastruktur bereitstellen muss, wenn sie künftig die Innenstädte am Leben erhalten will und das Geschäft nicht vollkommen Firmen wie Amazon und Zalando überlassen will.“

Diese Lesart täuscht natürlich darüber hinweg, dass das Kiezkaufhaus wie viele andere Digitalisierungsprojekte in Städten oder Regionen auch in erster Linie ein Vertriebsproblem in Richtung Händlerschaft hat bzw. hatte. Zwar könnte die Stadt, das Citymanagement oder die Wirtschaftsförderung hier unterstützend tätig werden – etwa durch pointierte, zielgerichtete Schulungsangebote für marktplatzwillige lokale Händler oder als Projektpartner in Förderkulissen für privat-öffentliche Kooperationen –, traurig gelebte Realität an den Standorten jedoch ist: Städte und Kommunen können dabei helfen, die Online-Sichtbarkeit des lokalen Handels zu erhöhen, müssen es aber nicht. Selbst in einer Zeit, in der – zumindest gefühlt – allenthalben über Regionalität, lokale Wertschöpfung, Nachhaltigkeit und Klimawandel nachgedacht wird.

Aber Denken ist eben nicht Handeln. Auch Greta Thunberg wird aus Otto-Normalverbrauchern hierzulande keine „Localists“ in Sachen Konsum machen, um scharenweise Bio-, Delikatess- und Hofläden zu stürmen. Da ist uns womöglich ausgerechnet die US-amerikanische Buy-Local-Bewegung einen Schritt voraus (wahrscheinlich weil Konzerne wie American Express dort über Cause-related-Marketingaktionen wie den Small Business Saturday erkannt haben, das Kleinvieh auch positiven Mist produziert).

Und dennoch hat das Kiezkaufhaus Wiesbaden zumindest versucht, der „Kurator des nachhaltigen Konsums“ zu sein. Der Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist aber natürlich eng verbunden mit dem Geschäftsmodell, das digitalen City-Initiativen mit dem Fokus Einzelhandel zugrunde liegt: Wie viel sind Händler bereit monatlich an Gebühren und Zeit für mitunter komplexe Onboardingprozesse oder Produktdatenpflege aufzubringen? Und eine Quadratur des Kreises liegt vor, wenn man das Henne-Ei-Problem lokaler Online-Marktplätze ins Visier nimmt: Wie schafft man unter der lokalen Konsumbevölkerung Anreize, eine Plattform mit vergleichsweise geringer Sortimentsbreite und Auswahl zu nutzen, ohne nur an das gute Gewissen zu appellieren und den hippen LOHAS*-Städter zu faszinieren?

Elitäres Kiezkaufhaus?

Auch an anderer Stelle habe ich schon kommentiert, dass das Konzept des Kiezkaufhauses manchen vielleicht etwas zu elitär daherkommt. Alleine der Begriff assoziiert schon Vollbart tragende Berliner Prenzl-Berg-Bewohner und Latte-Macchiato-Mütter mit Bugaboo-Kinderwagen samt Kaffeebecherhalter. Lokale Online-Marktplätze müssen jedoch möglichst viele Personen ansprechen. Sie müssen in die Breite getragen werden, sowohl mit Blick auf die Zielgruppe als auch mit Blick auf die Anbieterstruktur. Dies gelingt in erster Linie über den Ausbau der Sortimentsbreite, in zweiter jedoch auch durch die Integration von Dienstleistern, Gastronomen oder Handwerkern auf der Plattform.

Das Kiezkaufhaus war bisher relativ monothematisch auf den Handel bzw. Direktvermarkter und lokale Produzenten bzw. Veredler ausgerichtet – im Gegensatz etwa zum Local-Commerce-Infrastrukturgeber atalanda, der sich anschickt, ein vertriebs- und werbeorientiertes Stadtportal zu sein. Darüber hinaus hat man sich im Kiezkaufhaus relativ schwer getan, den technischen Schritt in Richtung „Multi-Vendor Online-Shop“ zu tun. Der Relaunch des Online-Marktplatzes vor dem Hintergrund der Zurverfügungstellung der Infrastruktur für das „Kiezkaufhaus Bad Honnef“ in Nordrhein-Westfalen ging nur schleppend voran und offenbarte, dass lokaler Online-Handel eben mehr ist als ein schönes und ästhetisch anspruchsvolles Frontend, für das das Kiezkaufhaus zurecht auch Designpreise erhielt.

Vielleicht aber – und das ist die wirklich tragische Seite des wertvollen Kiezkaufhaus-Engagements in Wiesbaden – sind derartige Projekte immer zu konkret an Personen und deren „Kampf für die Sache“ gebunden. Im letzten Jahr nämlich verstarb Nanna Beyer, die im Rahmen der „Shared Value“-Initiative der Werbeagentur Scholz & Volkmer das „Gesicht“ hinter dem Kiezkaufhaus war.

Sollte es bei einer kreativen und schöpferischen Pause des Kiezkaufhauses bleiben, so ist den Protagonistinnen und Protagonisten zu wünschen, dass erst der Verlust eines Dienstes dessen Wert für die Stadtgesellschaft, für nachhaltiges urbanes Leben und einen lebendigen, weil innovativen lokalen Einzelhandel offenbart. Insofern habe ich das Kiezkaufhaus auch nie als elitär empfunden, sondern als mutige Avantgarde der Local-Commerce-Szene – von der nun vorerst leider nur der CO2-freie Kurierdienst im Betrieb bleibt.

*LOHAS = Lifestyle of Health and Sustainability