Am Montagabend, dem ersten Tag des sog. Digitalgipfels in Walldorf, wurde der Gewinner des Wettbewerbs „Digitale Stadt“ (LocalCommerce.info berichtete) bekannt gegeben. Das südhessische Darmstadt, ein bereits als „Wissenschaftsstadt“ gebrandeter und IT-geprägter Standort, setzte sich im Finale gegen Heidelberg, Kaiserslautern, Paderborn und Wolfsburg durch. Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries – selbst Wahldarmstädterin – überreichte die Siegerurkunde. 

In einem gestriegelten Alltagsszenario hat Darmstadt die digitale Zukunft für BürgerInnen der südhessischen Großstadt mit rund 155.000 Einwohnern bereits an die Wand gemalt – wie immer, wenn es um Zukunft geht, machbarkeitslogisch aufbereitet.

Um den tatsächlichen Bedarf der Bevölkerung in Sachen digitaler Dienste herauszufinden, hat die Stadt des grünen Oberbürgermeisters Jochen Partsch nun zehn Millionen Euro des Landes Hessen sicher im Fördertopf. Oben auf kommt noch ein zweistelliger Millionenbetrag an Sach- und Beratungsleistungen der Bitkom-Unternehmen. Sie sollen aus einer hehren Parole nun das machen, was viele andere Städte auch sein wollen resp. sein müssen: eine Smart City, in der so ziemlich alles durch Digitalisierung besser wird, was im analogen Leben Nerven, Zeit und Geld kostet – vom Verkehr über das Gesundheitswesen und Behördengänge bis zum Einkauf im lokalen Handel.

Wer wird Infrastrukturgeber des lokalen Handels – wird es überhaupt einer?

LocalCommerce.info wirft natürlich ein besonderes Augenmerk darauf, ob nun das deutsche „Digital Silicon Valley“, als das die örtliche IHK-Präsidentin Kristina Sinemus Darmstadt gerne sehen würde, das neue eBay-Leistungspaket „Lokal & digital“ (LocalCommerce.info berichtete) annimmt und stationäre inhabergeführte wie filialisierte Geschäfte zu einem „Darmstadt bei eBay“ machen wird. eBay ist eines der mehr als zwei Dutzend Unternehmen aus der Digitalwirtschaft, die das Projekt „Digitale Stadt“ unterstützen.

Diese Sachlage ist um so interessanter, da Darmstadt im Zuge der Bewerbung kräftig Sparringspartner aus Stadt und Region mit an Bord genommen hat. So ist das „Kiezkaufhaus Wiesbaden“ – geradezu das Gegenbeispiel zu einem lokalen Online-Marktplatz eBay’scher Prägung – als „bundesweit angesiedelte[s] Unternehmen“ genannt, dass die „Wissenschaftsstadt auf dem Weg zur digitalen Vorzeigestadt Europas mit Know-how, Technik und ihrem exklusiven Support nach Kräften unterstützen und begleiten“ will.

Außerdem ist unter den Bitkom-Wettbewerbssponsoren die Nachbarschaftsplattform nebenan.de. Auch sie könnte bei konkreten Belangen des Local Commerce ein Wörtchen mitreden, zumal sich bereits ähnliche Plattformen wie imGrätzl aus Wien in einer sehr großen Schnittmenge zwischen Community-Hub, Schaufensterportal und Leerstandsbekämpfungsvehikel bewegen.

Wer auch immer am Ende der IT-Infrastrukturgeber des örtlichen Handels sein wird, es bleibt zu hoffen, dass daraus kein Rohrkrepierer wird – wie anno dazumal das Telekom-Projekt „localplus“ (Slogan: „deine Stadt, deine Läden“), das ebenfalls in Darmstadt getestet wurde, aber bei dem man frühzeitig die Reißleine zog. Prinzipiell war „localplus“ als Schaufensterplattform für Angebote des inhabergeführten lokalen Handels, d. h. äußerst niederschwellig, angelegt. Produkt- und Angebotsfotos von Geschäftsinhabern waren aber so dermaßen unter einem akzeptablen Niveau, dass man das Projekt einstampfte.

Kernprobleme schon damals waren der nicht beachtete Aufwand für das Change Management, ein mutmaßlich fehlendes Schulungskonzept und die Händleransprache. Letztlich aber war es vor allem die Nutzlosigkeit von Schaufensterportalen ohne Shopinfrastruktur, Lieferkonzept und Online-Reichweite. Man kann dies der Stadt als Makel anheften, ihr aber eigentlich auch eine gewisse Early-Adopter-Vorreiterschaft attestieren – nur dass sie mit dem gescheiterten „localplus“-Projekt eigentlich alle anderen Städte hätte warnen können, besser nicht in Online-Schaufenstermodelle für den Handel zu investieren.

„Drei Fraunhofer-Institute, über 30 FuE-Einrichtungen und herausragende IT-Dichte“

Darmstadt immerhin hat mit Professor Michael Waidner vom Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie SIT seit neuestem einen „Digital Chief Officer“. Das verkündete OB Partsch öffentlichkeitswirksam noch in der Wettbewerbsfinalphase der Ausschreibung „Digitale Stadt“.

Es gibt eine Reihe guter Gründe, wieso die Wissenschaftsstadt Darmstadt nun nach der „Innovationshauptstadt Deutschlands“ (Studie der Wirtschaftswoche) auch zur Pilot-Digitalstadt avancieren wird. Die Fähigkeit des Oberbürgermeisters, ein schlagkräftiges Wettbewerbsteam zusammenzustellen ist genauso entscheidend wie der gewonnene Rückhalt bei lokalen Institutionen, Unternehmen und der Bürgerschaft. Die Entscheidung der Jury war gewiss aber auch eine Entscheidung für die Vorort-Kompetenz in der IT-Sicherheit. Denn eines kann sich die Bitkom nicht erlauben: Fehltritte in Sachen Datenschutz und erfolgreiche Cyber-Angriffe auf die „Digitale Stadt“.


Mehr zur Bewerberstadt: https://digitalstadt-darmstadt.de

Mehr zum Wettbewerb: http://www.digitalestadt.org