Die Digitale Stadt ist gelebte Urbanität je mehr das Internet zum selbstverständlichen Begleiter des Alltags von Menschen avanciert. Warum machen wir die „digitale Aufenthaltsqualität“ in Städten dann nicht zum gemeinsamen Nenner von Zielvorgaben und finanzieren deren Erzeugung auch jenseits von Fördertöpfen?

Öffentliches WLAN, Location-based Services, lokale Online-Marktplätze oder E-Government – um nur einige wenige Schlagworte der letzten Jahre urbaner Digitalität herauszugreifen – sind rein technisch keine allzu große Herausforderung, deren rechtliche, verwaltungsstrukturelle, institutionelle und gesamtkonzeptionelle Etablierung aber sehr wohl schon. Von der Finanzierung ganz zu schweigen. Klein- und Mittelstädte haben aus Ressourcengründen naturgemäß größere Probleme, die „digitale Transformation“ anzunehmen als Großstädte, die sich mitunter eigenständige Social-Media-Abteilungen leisten können.

Denn noch mangelt es in der Breite und in den Tiefen der städtischen Verwaltungen an Bewusstsein, dass das Internet eigentlich ein öffentlicher Raum ist wie der physische Marktplatz auch. Nur wenige haben den Mut, einen „Kümmerer 2.0“ einzustellen, der diesen quasi-öffentlichen Online-Raum im Sinne des digitalen Dachmarketings bespielen kann. Im Bild gesprochen geht es künftig um das Erzeugen von „digitaler Aufenthaltsqualität“, um eine virtuelle Weihnachtsbeleuchtung im lokalen Online-Raum.

Städte haben zwar weitestgehend gelernt, den gebauten Raum attraktiv zu halten (Wegeleitsysteme, Kunst im öffentlichen Raum, Events, Straßenreinigung, Städteplanung etc.), für das lokale Internet jedoch fehlt der etablierte Werkzeugkoffer für mehr Aufenthaltsqualität bzw. saubere, akkurat beschilderte Wege und weitestgehend geordnete Besucherströme zum digitalen Zielort. Und das, obwohl ein erheblicher Anteil aller Suchanfragen über Google lokalen Charakter haben und das Netz sich immer mehr als „Nahmedium“ entpuppt.

Denn das mehr und mehr mobil genutzte Internet konvergiert zunehmend mit dem realen Leben vor der Haustür und bildet den „Vorhof“ der Offline-Welt – sei es durch digitale Kartensysteme, mobile Couponing bzw. digitale Rabattmarken als Lockmittel oder soziale Netzwerke als vorbereitende Instanzen für reale Zusammentreffen. Angebotsplatzierungen, Wegbeschreibungen, Öffnungszeiten und Produktverfügbarkeiten sind die Leitplanken der Digitalen Stadt, die mehr und mehr als Infrastrukturleistung begriffen werden sollte.

Der digital-lokale Raum als öffentliche Infrastruktur

So fordert aktuell Friederike von Kempis, Referatsleiterin Handel und Werbewirtschaft im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie:

„Viele Städte müssen ihre On- und Offline-Erreichbarkeit verbessern.“ (Quelle: Handelsjournal 01/2017, S. 34)

Auch der Handelsverband Nordrhein-Westfalen, namentlich Hauptgeschäftsführer Peter Aachten, mahnt in einer Stellungnahme im NRW-Landtag vom April 2016 zu mehr Investitionen in die städtisch-digitale Infrastruktur:

„Im gleichen Maße wie der Handel auf eine attraktive Infrastruktur in Innenstadt, Stadt- und Ortsteilzentren angewiesen ist, benötigt er auch eine digitale Infrastruktur, in der er sich entfalten kann (…).“

Gleichwohl weiß auch der Handelsverband, dass diese Bedeutungsverschiebung zum „digitale[n] Gesicht der Stadt“ nicht das Ergebnis unternehmerischen Handelns einzelner City-Akteure sein kann, sondern zu den „Aufgaben von Stadtentwicklung und Stadtmarketing [gehört]“.

Steht die Liaison zwischen Innenstadt und Handel angesichts des Strukturwandels (Frequenzrückgänge, zunehmende Leerstände, E-Commerce, Down-Trading, Grüne Wiese etc.) vor der wohl größten Zerreißprobe der letzten 60 Jahre, ist es in der Digitalen Stadt ausgerechnet der Handel selbst, der sich als Taktgeber der digitalen Transformation und damit für mehr digitale Aufenthaltsqualität einsetzen muss. Allein, es fehlt insbesondere den inhabergeführten Geschäften und deren Interessenvertreter in den Gewerbevereinen (noch) an kommunaler oder durch Public-Private-Partnerships getragener Unterstützung. Denn beide Akteure bewegen sich weitestgehend auf einem niedrigen Niveau digitaler Kompetenzen.

Mehr Digital-Kompetenzen in Stadtmarketing und City-Management sind gefordert

Die gegenwärtigen Diskussionen über den Zuständigkeitsbereich des Stadtmarketings für den digitalen Raum im Sinne des „digitalen Dachmarketings“ für den Standort (vgl. Haderlein 2016: S. 19, 43, 72) erinnern an die Debatten der 1980er-Jahre Jahre, als sich auch das heute weitestgehend verankerte, wenn auch oft unterausgestattete Stadtmarketing von Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung abgrenzen musste. Insofern hilft es sicherlich, digitales Stadtmarketing und City-Management mit der Zielvorgabe „digitale Aufenthaltsqualität“ als neue Querschnittsdisziplin zu begreifen und zu finanzieren.

Denn technische Trends und zunehmende Digitalisierung werden in Zukunft die Qualität und Ziele von bestimmten Marketingmaßnahmen und deren Akzeptanz beeinflussen. Sie werden die Kommunikation mit Bürgern, Touristen, Anspruchs- und Zielgruppen einer Stadt optimieren helfen und Katalysator für eine bürgerfreundliche Verwaltung sein.